I PHILOSOPHIE

Wie begeistert man junge Menschen langfristig für Physik? In dieser Frage sind Problem und Lösung bereits enthalten. Das Problem ist die Langfristigkeit. Es reicht eben nicht, mit feurigen Explosionen einen kurzfristigen Wow-Effekt zu generieren. Die vielen populärwissenschaftlichen Sendungen und naturwissenschaftlichen Shows sind genial, um einen ersten Einstieg zu finden, aber erst der Biss etwas wirklich wissen zu wollen, ein Experiment zu durchdringen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln hat langfristige Wirkung. Biss bedeutet jedoch Arbeit. Diese extrinsische Notwendigkeit muss mit einer intrinsischen Motivation verknüpft werden. Die Motivation liegt in der Begeisterung. Um Begeisterung zu entfachen, also gedankliche Lawinen auszulösen, muss man an der richtigen Stelle eine Schneeflocke fallen lassen.



Von Bergen und Lawinen - eine naturwissenschaftliche Talentförderung

Physikalisches Schneegestöber


Physik-Shows mit und ohne Knall



Fächerübergreifendes Schneegestöber

Zugegeben, der Vergleich zwischen Schülern und Bergen hinkt eindeutig. Er ist aber durchaus hilfreich, um einige Aspekte deutlich zu machen. Wenn gedankliche Lawinen unser Ziel sind ist zunächst einmal sicher zu stellen, dass der Berg überhaupt Schnee tragen kann. Schnee ist im Schulalltag der Umgang mit physikalischem Fachwissen, die Erkenntnisgewinnung und die Kommunikation. Faktoren, die den Schnee daran hindern in der Welt der Berge liegen zu bleiben sind zu glatte oder steile Gesteinsformationen oder zu hohe Temperaturen. Doch was genau hindert junge Menschen daran, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen? Das sind die ganz banalen Widrigkeiten des Lebens. Stress in der Familie, Ärger in der Klasse, Streit mit Freunden und dann noch das ganz große Thema der Pubertät im Allgemeinen, das sich quasi über die gesamte Schulzeit unserer Schützlinge erstreckt. Wenn es im Leben nicht so klappt, hat man keinen Kopf für Schule. Dann sind Menschen – übrigens ja auch Erwachsene – nicht leistungsfähig. Diese Leistungsfähigkeit herzustellen, zu erhalten und im Idealfall auszubauen ist essentiell für eine erfolgreiche Schullaufbahn und darüber hinaus natürlich für ein gelungenes Privat- und Berufsleben.


Den Schüler zu allererst in seiner Gesamtheit, mit allen Stärken und Schwächen, wahrzunehmen, um später irgendwann einmal unter anderem naturwissenschaftlich mit ihm zu arbeiten, ist unsere Innovation. Denn einen Schüler kennenzulernen bedeutet, sehr viel Zeit zu investieren – über Monate, Jahre, eventuell sogar Jahrzehnte. Und genau da geht die Talentförderung Physikusse an der Gesamtschule Hennef Meiersheide neue Wege.


Am Anfang stehen zunächst zaghafte Bergexkursionen. In der Schulpraxis nimmt ein potentieller Physikuss, der im Idealfall die 5. bis 6. Klasse besucht, nach einem intensiven Vorgespräch über Wochen, manchmal Monate probeweise an den Treffen der Talentförderung teil. Die Zeit relativiert sich angesichts der Tatsache, dass wir unsere Schüler ein Leben lang begleiten. Was sind also ein paar Wochen im Vergleich zum Rest des Lebens?


Innerhalb der Probezeit möchten wir uns versichern, dass der Physikussanwärter einige wichtige Soft Skills mitbringt, die unersetzlich für eine fruchtbare Zusammenarbeit sind. Bereits nach relativ kurzer Zeit sind Eigenschaften wie Kreativität, Fleiß, Höflichkeit, Teamfähigkeit und Sorgfalt klar. Zur Beurteilung reichen oft einige Hausaufgaben und Gruppenarbeiten.


Etwas schwieriger ist es mit der Begeisterung. Grundsätzlich ist sie vorhanden, denn sonst würden die Physikussanwärter sich nicht in ihrer Freizeit in der Schule aufhalten und an den Physikussen teilnehmen. Die Schüler sind aber sehr jung und kommen in eine Gruppe, in der alle älter sind als sie selbst. Das schüchtert freilich ein. Es ist unsere Aufgabe als Lehrkräfte, die neuen Schüler dahingehend zu stärken, dass sie sich nicht überfordert fühlen und keine Berührungsängste mit älteren Schülern und unbekannten Themen haben. Gleichzeitig werden die älteren Schüler immer wieder daran erinnert, ihr Entwicklungs- und Wissensniveau nicht als selbstverständlich zu erachten, sondern mit Empathie auf die Bedürfnisse und Kenntnisstände anderer einzugehen.


Dann ist es endlich soweit. Wir sehen das Leuchten in den Augen, wenn der Schüler fasziniert von seinem Lieblingsthema erzählt, stundenlang in die Optimierung eines Experimentes vertieft ist oder sich die Ohren heiß diskutiert über die exotischsten Theorien. Diese Begeisterung trägt. Das ist die intrinsische Motivation, sich mit schwierigen Dinge – die ja dann gar nicht mehr als schwierig empfunden werden – zu beschäftigen.


Ab und an sind wir ganz ehrlich gefordert einen Schüler wieder aus der Talentförderung zu entlassen, bei dem wir diesen intrinsischen Anknüpfungspunkt nicht finden. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass dieser Mensch keine Begeisterungsfähigkeit oder keine Talente hat, sondern lediglich, dass Physik entweder das falsche Thema, oder Physikusse die falsche Gruppe ist.


Ganz entscheidend neben den leuchtenden Augen sind Vertrauen und Kommunikationsfähigkeit. Das Vertrauen in die Gruppe als geschützten Raum. Niemand wird lächerlich gemacht, weil er eine komische Frage stellt, oder geärgert, weil er etwas nicht kann. Alle privaten Angelegenheiten, wie Urlaubserlebnisse, Liebeskummer, Stress sind hier vertrauensvoll aufgehoben. Dazu kommt die Zuversicht, dass man nach besten Wissen und Gewissen gefördert und gefordert wird. Natürlich gibt es manchmal Aufgaben, bei denen Schülern der Lernwert nicht klar ist. Trotzdem haben sie das Vertrauen, dass es schon einen Sinn haben wird, etwas tun zu müssen.


Ein maßgeblicher, sehr zeitintensiver und durchaus an die Substanz beider Seiten gehender Prozeß spielt sich in Entwicklungsgesprächen ab. Sie unterstützen die Schüler darin, Schwächen und Stärken zu erkennen und eigene Erfolge zu halten bzw. auszubauen. In den Gesprächen reflektieren wir als Lehrer beständig unsere Arbeit und fordern die Schüler auf, uns ein differenziertes Feedback zu geben. Dafür sind ein gutes Selbstgespür und die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen und Rückmeldungen zu verwerten, Voraussetzung. Für beide Seiten! Es geht in Entwicklungsgesprächen um die Beseitigung von Hindernissen, wie familiäre und schulische Belastungen, die die Schüler in ihrer Leistungsfähigkeit einschränken. Lernvereinbarungen werden getroffen und kurz- mittel- sowie langfristige Ziele vereinbart. Die Gespräche sind aufwühlend, aber durch eine aufrichtige und verbindliche Haltung werden die Schüler enorm motiviert.


Schüler können Entwicklungsgespräche jederzeit einfordern. Ansonsten werden sie für jeden einzelnen Schüler nach Bedarf, oder gebündelt für alle an einem schulfreien Tag angesetzt. An dieser Stelle ahnt der geneigte Leser bereits, dass es sich bei Physikussen um einen Vollzeitjob handelt.


Begabung vs. Talent


Erst wenn der Schüler Vertrauen gefasst hat, Stärken und Schwächen bekannt sind und die Kommunikation sicher gestellt ist beginnen wir mit dem vorsichtigen Fallenlassen von Schneeflocken bis hin zum Schneegestöber. Physik in Theorie und Praxis ist unser Schnee. Wir vermitteln  fachspezifische, insbesondere naturwissenschaftliche Kompetenzen. Experimenten kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Die Schüler lernen Versuchsprotokolle zu lesen, zu verstehen und selbst zu verfassen. Sie können Materialien nach Vorgaben zusammenstellen und Experimente unter Beachtung von Sicherheits- und Umweltaspekten durchführen, Ergebnisse sichern, Versuchsprotokolle optimieren und ihre Ergebnisse anderen Schülern oder Erwachsenen vorstellen.



Die Erstellung und Aufführung von Physik-Shows ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit der Physikusse. Mit möglichst hochwertigen Shows möchten wir sowohl das Fachpublikum, wie eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Das fordert von uns den geschickten Spagat zwischen einfachen Erklärungen und Fachbegriffen, zwischen effektvollem Knall und eingängigen Texten.


Hier können wir Physik auf geniale Weise mit einer individuellen Talent- und Persönlichkeitsförderung verbinden. Die Schüler erlernen einerseits die selbstorganisierte und eigenverantwortliche Vorbereitung, Durchführung und Präsentation von Experimenten.

Es werden Haltungs-, Verhaltens- und Darstellungskonzepte erprobt. Jeder Schüler wird mit seinem Charakter, seinen Talenten und Fähigkeiten wahrgenommen und sein Selbstbewusstsein gestärkt.


Im Rahmen einer Physik-Show können gleichzeitig Lernziele für jeden einzelnen Schüler und die gesamte Gruppe festgelegt werden. Das Ziel des Auftrags muss nicht dem Ziel des Projektes und dem Ziel des Schülers entsprechen. Beispiel: Ziel des Auftrags ist die Aufführung einer Physik-Show. Ziel des Projektes ist die Vermittlung von Fachwissen zum Thema Fluoreszenz. Ziel eines einzelnen Schülers kann die Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten sein.


Der Name Physikusse wird oft so verstanden, dass wir ausschließlich Physik machen. Aber wir machen viel mehr. So frage ich mich zum Beispiel mitten in London, in einer Stunde in der es um Rechtschreibung geht oder die Physikusse mal wieder gemeinsam Trampolin springen: „Wie soll ich jemandem erklären, was Physikusse eigentlich noch alles sind?“ Darauf antwortete vor kurzem ein Schüler ganz lapidar: „Physikusse kann man nicht erklären. Physikusse muss man erleben!“ Das vielfältige Angebot aus Themen, Theorie und Praxis, aus Physik und Kunst, ,aus lehrer- und schülerzentriertem Unterricht, aus Organisation und „wildem Wühlen“, aus Hektik und einfach mal ne Pizza zusammen essen, aus Methodik und Chaos bietet jedem ein Schneeflöckchen an. 


Physikusse wiederum bieten uns Lehrern und ihren Mitschülern ebenfalls Schneeflöckchen an. Sie neigen dazu, von sich aus spannende Fragen, interessante Seiten aus dem Internet und Material aus dem heimischen Hobbykeller oder der Küche mitzubringen - nicht immer zur Freude der Eltern denen ausgerechnet in der heiklen Backphase auffällt, dass kein Zucker mehr im Hause ist. Diese Eigeninitiative bereichert den Unterricht enorm. So viel kann einem einzelnen Lehrer gar nicht einfallen.


Die Physikusse wurden als Begabtenförderung gegründet. Damit wird leider assoziiert, dass es sich um hochbegabte Schüler mit fantastischen Noten und immensem IQ – und unterschwellig schwingt mit „ohne Sozialkompetenzen“ - handelt. Nach wenigen Jahren haben wir uns umbenannt in Talentförderung. Talente hat jeder normale Mensch und wir sind einige von diesen ganz normale Menschen. Ja, es gibt Physikusse mit lauter Einsen auf dem Zeugnis, aber die meisten sind ganz normale Schüler mit ganz außergewöhnlichen Talenten.


Um Lawinen zu erzeugen kann man den Berg schütteln, oder an der richtigen Stelle eine Schneeflocke fallen lassen.

„Wildes Wühlen“


Es wird das gesamte methodische Spektrum vom lehrerzentrierten Frontalunterricht bis hin zum komplett von Schülern gestalteten Unterricht, vom kooperativen Lernen bis hin zu Einzelarbeit praktiziert. Es gibt aber auch diese ganz besonderen Stunden. Wenn die Physikusse wieder einmal mit leuchtenden Augen im experimentellen Chaos versinken nennen wir diesen Zustand intern liebevoll „wildes Wühlen“. Man könnte es auch mit „heftigem Schneegestöber“ vergleichen. Ein Schüler lieferte einmal eine recht passende Definition: „Jeder macht irgendwas, alle machen alles und alle machen bei jedem mit.“


Physikusse haben durch intensive Einführung und das ehrliche Versprechen, erst nach ausdrücklicher Erlaubnis „mit den Händen zu schauen“ das Privileg, in die Physiksammlung zu dürfen. Und so beginnt das wilde Wühlen damit, dass zum Beispiel spontan ein Gerät x aus der Physiksammlung gezaubert wird. Als Lehrer schluckt man und hofft, so gänzlich ohne Vorbereitung genug Fachwissen aus dem Ärmel schütteln zu können, um dieses umfassend und für alle Altersstufen adäquat erklären zu können. Physikusse geben sich nicht mit einfach Erklärungen a la „damit kann man Elektronen sichtbar machen“ zufrieden. Da wird gebohrt und nachgehakt. Schüler kommen auf neue Ideen, recherchieren am Whiteboard, probieren etwas aus, finden ein passendes Messgerät dazu und unterhalten sich darüber. Alles gleichzeitig! Zugegeben, es ist ein wenig chaotisch, aber jeder findet genau den Ansatzpunkt, der ihn gerade in diesem Moment interessiert. Und so macht Schneegestöber eine Menge Spaß. Dieses Schneechaos kann allerdings durchaus bedrohliche Ausmaße annehmen und manchmal muss man Lawinen Einhalt gebieten, damit niemand zu Schaden kommt.



Aus der Schule raus ins Leben – wie nachhaltig war die Förderung denn nun?



Einzelne Schüler verlassen mit dem Abitur die Schule, aber nie die Physikusse. Einmal Physikuss – immer Physikuss. Mit den 23 ehemaligen Schüler treffen wir uns mindestens einmal im Quartal zum Stammtisch und pflegen daneben intensiven persönlichen und schriftlichen Kontakt. Die enge Verbundenheit über die Schule hinaus bietet uns die Möglichkeit zu eruieren, wie nachhaltig die Förderung war.


Einige Physikusse studieren ganz klassisch Physik. Dann gibt es die originelleren Studiengänge rund um die Physik, wie zum Beispiel „Engineering Physics“. Die Palette reicht insgesamt aber von künstlerisch-musischen über sprachliche Studiengänge bis hin zu technischen und informatischen Ausbildungen im In- und Ausland. Die sehr vielfältigen Ausbildungs- und Lebenswege zeigen, dass die Schüler sehr individuell gefördert wurden. Und wir sind überhaupt nicht enttäuscht, wenn sich junge Menschen für andere Fächer außerhalb der Physik entscheiden. Es ist nie eine Entscheidung gegen Physik, sondern für etwas anderes. Auch damit gewinnt die Physik. Sie bleibt Teil der jungen Menschen, ob als Hobby oder als Beruf. Sie geben der Physik eine mächtige Stimme die den unzähligen „das hab ich in der Schule noch nie gemocht“ etwas entgegensetzen kann.




Physikusse als Berufung




Physikusse begleiten uns im Alltag vom Frühstückstisch über den Freihandversuch in der Schule bis hin zur abendlichen Teamsitzung auf dem Sofa – an Schultagen und in den Ferien. Physikusse ist Familie, Beruf und Berufung gleichzeitig. Denn wenn man Schüler motivieren möchte muss man selbst mit der nötigen Motivation herangehen. Wir selbst sind begeistert! Von Physik! Von Physik in der Theorie und von praktischer Physik. Wir sind begeistert von Experimenten, abstrusen Formeln, aber auch von Kunst, Sprache, Geschichte und vielem mehr. Und genau diese Begeisterung für Dinge im Allgemeinen geben wir an unsere Schüler weiter.


Wir sind Experten für Berge und Schnee. Jeder hat seinen Sachbereich. Die Schüler wissen, von Herrn Wentz gibt es hochqualifizierte und doch verständliche Antworten auf Fachfragen. Bei Frau Wentz gibt es die Lebenshilfe, um den Kopf für diese Dinge frei zu haben. Und dann steht gedanklichen Lawinen nichts mehr im Wege.